Skizzenbücher
Skizzenbücher

Lange verband mich mit Skizzenbüchern eine Art Hassliebe. Das kam daher, dass ich häufiger total perfekte Skizzenbücher von Künstlerinnen und Künstlern gesehen hatte, in denen jede Seite, jede Skizze perfekt war. Und wo immer (vermeinltiche) Perfektion in Sicht ist, lauert für mich gleich die Frustration nebenan.

Meine Skizzenbücher sollten zwar auch perfekt aussehen, waren es aber nie. Ich habe auch nie nur Skizzen gemacht, sondern Dinge eingeklebt und aufgechrieben, die mir wichtig waren. So habe ich lange gedacht, das sei dann wohl nichts für mich, so ein Skizzenbuch. Ich habe immer mal wieder eines angefangen, aber sie dann auch nicht lange bearbeitet.

Skizzenbücher oder Zeichenbücher oder Notizhefte sind aber doch was für mich. Ich musste mir nur darüber klarwerden, dass ich selbst bestimme, was in meinem Zeichenbuch passiert und was nicht. (Das ist eine Erkenntnis, die übrigens für mein ganzes Leben gilt und die nicht gerade trivial ist.) Mein Skizzenbuch ist ein Spiegel meines Lebens und meiner Interessen und damit eben ein tolles Werkzeug zur Selbst-Reflexion (die Künstlerinnen und Künstlern nicht gerade schaden soll, habe ich gehört): Wer bin ich, was interessiert mich gerade, an was will ich als nächstes forschen?

Immer wenn ich total platt bin und keine Kraft für große Sprünge habe, ist immer noch das Skizzenbuch da, in dem ich arbeiten kann. Perfektionismus interessiert mich nicht mehr. Mich interessiert das pralle Leben und das ist einfach messy.

Manchmal liege ich abends mit einem meiner mittlerweile unzähligen Bücher im Bett und zeichne noch ein bisschen. Ich zeichne beim Zugfahren und lerne dabei spannende Menschen kennen.

Ich hinterlasse darin Spuren. Ich notiere mir unterwegs Dinge, die mir auf- und Gedanken, die mir einfallen. Ich schreibe über meine Arbeit, was ich darin sehe, was gerade wichtig ist. Ich probiere neue oder auch alte Materialien aus, um zu sehen, was sie hergeben für mich. All das sammle ich und wenn ich gelegentlich wieder hineinschaue, warten Erinnerungen, Gedankenstützen und gerade aktuelle Themen auf mich. Ach, sie sind mir treue Freunde geworden über die Zeit.

Ich könnte hundert Jahre darüber schreiben, warum Skizzenbücher sinnvoll sind für meine künstlerische Arbeit. In meinen Kursen lege ich den Menschen deshalb immer eines ans Herz. – Was für ein schönes Bild!

Im Skizzenbuch kann ich mich mit Dingen vertraut machen, ich kann es als Archiv und ich kann es als eine Art Protokoll für Experimente nutzen.

Wenn es dir dabei ein bisschen wie mir geht und du Schwierigkeiten hast, so etwas perfektes wie die vor dir liegenden, bereits perfekten weißen Seiten mit so etwas vermeintlich unperfektem wie deinen Interessen, Gedanken und Experimenten zu füllen, lass dir folgendes gesagt sein:

Das große Paradoxon der Perfektion ist, dass das Unperfekte bereits so perfekt ist, wie es ist. Tatsächliche Perfektion bedeutet Stillstand. Alles verändert sich im Laufe der Zeit.

Nimm dein neues, schönes Zeichenbuch in die Hand, blättere durch die Seiten, spüre, wie sich all die Möglichkeiten, die du damit hast, anfühlen.

Wenn dein neues Zeichenbuch zu schön ist und du Angst hast, es zu versauen, versaue es. Das kann sehr befreiend wirken. Nimm einen Bleistift, schließe die Augen und hinterlasse so auf mindestens 20 Seiten eine Spur. Reiß ein oder zwei Seiten kaputt, knicke sie um, kleckere ein bisschen Wasserfarbe hinein. Ich lasse manchmal unsere Kleinen darin malen. Fang mit deinen Zeichnungen und Notizen nicht auf der ersten Seite an, sondern irgendwo in der Mitte. Wenn du magst, schreibe immer das Datum dazu. Diese bearbeiteten Seiten haben ihren ganz eigenen Charme und können deine Zeichnungen und Notizen noch einmal ganz anders bereichern.

Sammele kleine Inspirations-Happen darin: Fotos, Papiere, alles, was dich anregt. Ein Skizzenbuch ist eine Forschungseinrichtung und wird sich mit der Zeit entwickeln. Du brauchst kein Atelier, um im Büchlein zeichnen zu können, es kann immer dabei sein.

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