Weniger Künstler-Bohei

Für das fankyzine Art Special traf sich Herausgeberin Andrea Williams mit Jessica Koppe zum Gespräch. Das fankyzine beleuchtet vor allem die heimische Musikszene zwischen Oststwestfalen, Hannover und Münster und blickt dabei regelmäßig über den Tellerrand.

Andrea Williams ist diplomierte Kommunikationsdesignerin und seit nunmehr 20 Jahren als Layouterin im Verlagswesen tätig. fankyzine ist das erste eigene Magazin der gebürtign Hessin.

Andrea Williams: Im Internet las ich über dich, dass du jeden Tag aufs Neue untersuchst, was es mit der Kunst eigentlich auf sich hat. Zu welchen Erkenntnissen bist du bislang gekommen?

Jessica Koppe: Kunst rettet! Das ist die elementare Erkenntnis. Dabei ist es völlig egal, ob man sie erzeugt oder betrachtet. Kunst kann Wegweiser und der Schlüssel zu uns selbst sein. Kunstvermittlung hat den Ansatz, dass die Leute nichts sehen können, was sie nicht wissen. Deswegen gibt es Leute, die Bilder erklären, sodass man tiefer in sie eintauchen kann. So ist es im Leben auch. Man weiß, dass etwas im Argen liegt, bekommt es aber nicht zu packen. Und Kunst kann über das Betrachten helfen, sich selbst ein bisschen näher zu kommen. Sie liefert Hinweise, um festzustellen, wie man gestrickt ist. Wo ist das, was ich mag oder widerlich finde? Wenn man sich fragt, warum sich das so verhält, kriegt man einen neuen Hinweis. In der künstlerischen Praxis ist das noch intensiver, da man sich natürlich im Idealfall mit seiner Arbeit auseinandersetzt.

Was wärst du geworden, wenn dir eine Laufbahn in der Kunst nicht möglich gewesen wäre?

Künstlerin.

Wer hat dich zu Beginn deines kreativen Schaffens nachhaltig geprägt?

Starke Frauen. In meiner Familie habe ich auf die Kunst bezogen keine Vorbilder. Sie besteht eher aus Arbeitern und kaufmännischen Berufen. So musste ich mich anderweitig informieren. Dank einer Paula Modersohn-Becker-Biografie hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, die Erlaubnis zu besitzen, Kunst machen zu dürfen. Nasen wie Picasso oder Franz Marc kennt jeder. Sie waren Teil des Schulunterrichts. Das fand ich toll, aber erst Paula Modersohn-Becker und Käthe Kollwitz gaben mir den richtigen Schubs.

Sind deine Kinder auch kreativ?

Na klar! Unser Kleiner ist nun 1,5 Jahre alt und kann gerade zehn Wörter sprechen. Eins davon ist Malen (lacht). Kreative Arbeit ist ein Kernwerkzeug zu einer gesunden Persönlichkeitsentfaltung. Daher sollen unsere Kinder immer die Möglichkeit haben, sie auszuüben.

Haben sie dein Schaffen beeinflusst?

Auf jeden Fall. Vor der Geburt unseres ersten Kindes war ich oft mit Egokram beschäftigt. Nach der Geburt hatte ich täglich maximal zwei Stunden Zeit, um kreativ zu sein. Dann hält man sich nicht mehr mit unnötigen Gedanken auf. Dadurch bin ich viel präziser geworden. Zudem denke ich dank meiner Kinder vermehrt über Nachhaltigkeit nach. Das hat die Wahl meiner Materialien, meine Vorgehensweise bei der Wiederverwertung von Dingen sehr beeinflusst.

Du bezeichnest dich als künstlerisches Multitalent, du zeichnest, malst, machst Collagen, Trickfilme, schreibst … Gibt es einen kreativen Bereich, den du lieber ignorierst?

Alles, was staubt und dreckig ist, nervt mich fürchterlich. Sobald es staubt, kriege ich schlechte Laune. Für Ölmalerei bin ich zu ungeduldig.

Bei Aquarellmalerei muss man allerdings auch ein bisschen warten.

Aber das kannst du föhnen. Ich föhne sogar Acryl-Farben, weil mir drei bis fünf Minuten Trocknungszeit manchmal zu lange dauern. Wenn ich eine Sache wirklich machen will, muss es schnell gehen.

Du hast hier ein mega Atelier. Hast du jemals Platzprobleme, all das Produzierte unterzukriegen?

Ich bin kein Nostalgiker, ich kann Arbeiten wegschmeißen. Wenn sie mich total nerven, wandern sie in den Müll. Ich verwerte aber auch meine eigenen Arbeiten weiter. Alles, was ich nicht verkaufe, ist immer in Gefahr, zerschnibbelt, zerlegt, neu verarbeitet oder einfach weggeworfen zu werden.

Gibt es im Atelier Möbel oder Dinge, auf die du auf gar keinen Fall verzichten würdest?

Da gibt es nichts. Das liegt daran, dass meine Arbeitsweise so flexibel ist. Von Goethe stammt das Zitat: „Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.“ Das ist meine Grundhaltung. Selbst wenn dir der letzte Bleistift weggenommen wird, kannst du noch mit einem Stein und den Fingern auf dem Fußboden zeichnen. Das Werkzeug ist das, was optimiert werden kann, der Komfortbereich. Wenn du wirklich Kunst machen möchtest, ist es egal, was vorhanden ist. Es ist immer alles da, was man braucht.

Hast du je erwägt, dir ein Synonym zuzulegen?

Alles, was mir einfiel, fand ich noch bescheuerter als meinen eigenen Namen (lacht). Es geht schon darum, sich als Marke zu etablieren. Das kann man über ein Pseudonym forcieren. Da ich keine Sachbeschädigung oder ähnliches betreibe, habe ich das Gefühl, dass ich mich nicht hinter einem anderen Namen verstecken muss. Ich bin einfach da, tue, was ich tue, und das ist in Ordnung. Dies hat auch dazu geführt, dass ich mich und meine Arbeit besser aushalten kann. Wenn ich als Person dafür gerade stehe, bin ich diejenige, die mit dem Werk assoziiert wird. Meine Erfahrung ist, dass die Leute nicht ausschließlich am Werk interessiert sind, sondern auch an der Person dahinter. Das kann eine Kunstfigur sein. In bestimmten Bereichen funktioniert das sehr gut. Für mich funktioniert das eben nicht. Wenn ich Kurse gebe, bin ich stets für eine Aufrichtigkeit in der Arbeit, für eine Echtheit, für ein ganz klares Ding. Es gibt Leute, für die diese Echtheit über das Pseudonym läuft. Banksy ist beispielsweise von seinem Pseudonym nicht zu trennen.

Tauschst du dich mit der hiesigen Kunstszene aus?

Es gibt verschiedene Gruppen, die koexistent sind. Der Verein für Bildende Kunst ist vielleicht die erste Adresse, wo man nach Kunst guckt, wenn man hier in der Gegend unterwegs ist. Im Durchschnitt sind die Mitglieder mindestens 15 Jahre älter als ich. Die junge Generation ist eher im Bereich Streetart verortet und lose organisiert. Dann gibt es noch weitere Ateliergemeinschaften, die als geschlossene Biotope funktionieren. Der Austausch ist manchmal etwas dürftig. Ich bin ein bisschen die Außenseiterin, weil ich mich in verschiedenen Genres bewege. Früher wollte ich dazugehören, heute finde ich das okay. Die Stärke meiner Arbeit ist, dass sie so selbstständig ist und unabhängig funktionieren kann.

aus Jessica Koppe, “Manifest”, Comic, 28 Seiten (2015)

Gestern startete ein neuer Kurs deiner Mittwochsakademie. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Im Studium der Freien Kunst war ich eine der Jüngsten und ließ mich ziemlich verunsichern von klassischen Professoren, die meinten, ein kleines Mädchen auflaufen lassen zu müssen. Richtig frei gearbeitet habe ich mich erst nach dem Studium, indem ich verschiedene Techniken und Arbeitsweisen zusammentrug, um Angst und Blockaden abzubauen. Dann stand natürlich noch die Frage in Raum, wie ich als freiberufliche Künstlerin Geld verdiene. Auf Grafikdesign hatte ich nach ein paar Jahren keinen Bock mehr. Also entschied ich, anderen Leuten zu helfen, die in dem Bereich ebenfalls Unterstützung brauchen. Toxisches Verhalten ist weit verbreitet. Gerade die Art und Weise, wie im kreativen Bereich miteinander gesprochen und Kritik geübt wird, ist katastrophal. Wenn man eine Gesellschaft dazu bringen möchte, dass sie friedlich ist, fängt das bei kleinen Sachen an. Mir ist es wichtig, gewaltfrei zu kommunizieren, auch wenn man gemeinsam Kunst anschaut, die man gemacht hat. Daraus habe ich im Grunde dieses Kurskonzept entwickelt. Ich nannte es „Akademie“, weil ich mir dachte, dass man sowas eigentlich an den Akademien braucht.

Was für ein Typ Mensch meldet sich dafür an?

Unterschiedlich. Leute, die studieren gehen wollen, eine Mappe machen müssen und ein bisschen auf dem Schlauch stehen. Leute, die in kreativen Berufen schon verortet, aber unzufrieden sind. Leute, die im Hobbybereich oder halbberuflich künstlerisch arbeiten. Am Kurs nehmen auch einige Künstlerinnen teil, die ab und an wiederkommen. Manchmal sind klassische Hausfrauen dabei. Die Kinder sind aus dem Haus, und sie wollen was Neues ausprobieren.

In der Regel kommen zu mir Personen, die ein großes Interesse an Kunst besitzen und im Leben viel Gegenwind dafür erfahren haben. Der Kurs ist eine Art Therapie. Ich hänge das allerdings nicht an die große Glocke, weil ich diese ganze Coaching-Nummer etwas schräg finde. Wir entfalten im Kurs eine besondere Magie durch die Techniken, die ich zusammengetragen habe. Zum Abschluss hängen hier von allen Teilnehmern drei bis fünf Blätter aus drei Stunden gemeinsamer Arbeit. Dadurch ergibt sich eine richtige kleine Ausstellung. Man sieht in den Bildern die Persönlichkeiten der Leute. Am Ende gehen alle immer ganz beseelt raus.

Es ist eine wunderschöne und konstruktive Atmosphäre. Schlechtmachen und Verbesserungsvorschläge sind verboten. Es wird einfach alles akzeptiert, wie es ist, genau in dem Zustand, in dem es da ist. Das ist ein Grundgedanke, der aus dem Yoga kommt. Ich mache zeichnerisches Yoga.

Du arbeitest im Rahmen des Kulturrucksacks mit jungen Menschen zusammen und hattest bereits diverse Lehrstellen. Unterrichtest du lieber Kinder oder Erwachsene?

Das ist völlig egal. Ich gucke Leuten und Dingen gerne beim Wachsen zu. Frühling ist meine Jahreszeit. Kinder sind total toll, weil sie automatisch wachsen. Da kann man nichts gegen machen (lacht). Erwachsene müssen sich ein wenig anstrengen, wenn sie über sich hinaus wachsen wollen. Die Prozesse passieren langsamer. Lassen sich die Leute darauf ein, ist es ganz wunderbar.

Es interessiert mich, zu beobachten, wie die Leute an ihre Potenziale kommen. Deswegen ist es mir egal, ob es sich um ein dreijähriges Kind handelt, das zum ersten Mal einen Wachsmalstift in Händen hält oder ob das jetzt eine alte Dame ist, die bereits hundert Jahre gezeichnet hat, aber neue Impulse braucht. Wenn die Leute zu mir kommen und Bock haben, kann ich mit allen arbeiten.

Was kannst du jungen Leuten raten, die gerne ein künstlerische Laufbahn einschlagen möchten?

Einfach machen. Man kriegt die Dinge nicht durch Denken heraus. Mein Schwiegervater sagte immer, dass ein Erfahrungskonto ein reines Guthabenkonto sei. Jede Erfahrung, die du machst, und somit auch jedes Blatt, das du zeichnest, jede kreative Tätigkeit, der du nachgehst, wird zu Guthaben auf deinem Erfahrungskonto.

Irgendwann sedimentieren diese gesammelten Erfahrungen durch unsere Gehirnschichten, und wir haben einen Zugriff darauf. Dann entwickeln wir uns weiter. Aber das bekommt man nicht durch Denken heraus. Das funktioniert nur über das Tun. Deswegen einfach Machen und sich nicht beirren lassen von Leuten, die glauben, besser zu wissen, was man braucht. Und dabei keinem Schaden zufügen.

Richtig poetisch.

Ich bemühe mich. Ich habe mal Philosophie studiert. Aber im klassischen Sinn würde ich mich eher als Humanistin sehen. Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt, allerdings als Teil eines großen Ganzen.

Es geht stets darum, die eigene Rolle für sich selbst und für die Gesellschaft zu finden, in der man unterwegs ist. Es geht auch darum, dass man sich als Gesellschaft weiterentwickelt. Ich glaube, Bildung trägt viel dazu bei. Und künstlerische Bildung ganz besonders.

Hast du auf deine Kunst bezogen noch einen großen Wunsch, den du dir irgendwann erfüllen möchtest?

Ich wünsche mir, dass alle Künstlerinnen und Künstler Ernst genommen, aber nicht erhöht werden. In vielen kulturellen Berufen verdienen alle ihr Geld mit der Kunst, bis auf diejenigen, die sie herstellen. Sie sind immer die Letzten in der Kette. Irgendjemand sagte mal: „Ruhm und Ehre sind auch schön, aber meine Kinder essen lieber Kartoffelbrei.“ Hier in Deutschland ist es als Künstler unanständig, Geld zu thematisieren. Man hat die hohe Kunst und den schnöden Mammon voneinander zu trennen.

Im amerikanischen Bereich sind Künstler Unternehmer, Artist Entrepreneurs, mit allen kapitalistischen Vor- und Nachteilen. Ob man das jetzt gut findet, ist noch mal eine ganz andere Frage. Ich finde nur diese Beobachtung sehr interessant.

Man sollte sich als Künstler nicht rechtfertigen müssen, wenn man von seinem Beruf Leben möchte. Es ist ein Beruf wie jeder andere auch. Man verdient sein Geld und leistet einen gesellschaftlichen Beitrag, der statistisch nicht messbar ist, aber faktisch existiert. Ich wünsche mir in dem Bereich mehr Anerkennung, dafür weniger Künstler-Bohei. Das wäre was.

Fankyzine Art Special 2018 (Doppelausgabe)