Durch Leid zu großer Kunst
Durch Leid zu großer Kunst

Es gibt diese etwas seltsame Idee, Künstler oder Künstlerinnen müssten leiden, um wirklich große Kunst zu produzieren. Und als würde das Leben nicht schon genug Gemeinheiten für uns dazu bereithalten, gibt es immer wieder Menschen, die glauben sie müssten das Leid in anderen noch extra provozieren und gemein sein, damit wir gefälligst noch mehr daran wachsen und durch ihr Zutun eben besonders großartig werden oder was auch immer.

Ein Professor an der Akademie hat das mal genauso formuliert: „Sie müssen gelitten haben, sonst machen Sie keine Kunst.“ Damit auch keine und keiner von uns zu wenig litte, war der Umgangston mit diesem Professor eher rauh.

Zwei Jahre vorher, als ich mich das erste Mal mit meinen Arbeiten an einer Hochschule vorgestellte, um mich dort zu bewerben, hat der zuständige Professor meine Mappe angesehen und mir vor einer Gruppe von Mitbewerber*innen und Studierenden mitgeteilt: „Mit diesem Fantasy-Scheiß brauchense sich hier gar nicht erst zu bewerben.“ Ich war 19 Jahre alt und einigermaßen fassungslos. Ich habe drei Tage geheult, meinen Plan, dort zu studieren nach der tatsächlichen Absage begraben und nach ein paar Monaten ging dann wieder. Ich habe wie eine Weltmeisterin im Atelier und der Malschule einer Künstlerin gezeichnet und an einer neuen Mappe gearbeitet.

Als die Zusage von der Kunstakademie kam, fühlte ich mich wieder auf Spur. Bis der Leiter der Orientierungssemester mich fragte, ob ich denn überhaupt jemals richtig zeichnen gelernt habe. Wieder war ich monatelang hinüber und begann immer mehr an mir zu zweifeln, habe aber immer weitergemacht. (Die Zeichnung oben ist übrigens aus meiner Bewerbungsmappe für die Kunstakademie, ca. 2001.)

Zur bestandenen Zwischenprüfung begrüßte mich mein neuer Professor vor der Klasse mit den Worten „Bei Ihnen haben wir besonders lange überlegt, ob Sie die Zwischenprüfung überhaupt bestehen.“ Ich freue mich auch, hier zu sein. Ich habe mich mein gesamtes Studium von Erlebnissen nicht erholt, aber trotzdem immer gewusst, dass ich für die Kunst dranbleiben will, auch wenn ich längst vergessen hatte, was das eigentlich sein soll, Kunst.

Und jetzt kommt der Trick: Jedes Mal, wenn ein älterer Herr aus den Kunstbetrieb sich beflissen fühlte mir mitzuteilen, was ich alles dürfe und was nicht, was ich alles nicht könne und wo ich unzulänglich sei, war ich zuerst geschockt und traurig und habe meine Wunden geleckt, bis es wieder ging. Dann habe ich weitergemacht. Ich habe noch nach dem Studium gut fünf Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass es dabei nie um mich ging, sondern nur um das Künstlerbild, dass diese traurigen und unzufriedenen Männer verinnerlicht hatten und in das ich nicht reinpasste.

Heute weiß ich, dass Dinge sich nicht ändern, wenn man immer alles so weitermacht wie bisher. Ich probiere neue Wege, will auch gar nicht mehr reinpassen in die Bilder, die andere von mir haben und merke, dass ich besonders an den Tagen produktiv arbeite, an denen es mir körperlich und seelisch gut geht. Nur an diesen Tagen kann ich mich außerhalb meiner Komfortzonen bewegen und Neues probieren. Und darum geht es doch! Wie will ich denn etwas neues schaffen, wenn ich mich immer nur danach richte, was andere von mir wollten.

Was mich gerettet hat, war nicht Talent, sondern Durchhaltevermögen.

Und um diese Geschichte noch mit einer kleinen Anekdote abzurunden: der Typ, der mir gesagt hat, mit dieser Fantasy-Scheiße bräuchte ich mich gar nicht erst zu bewerben… mit dem hing ich jetzt schon ein paar Mal in Ausstellungen.

Für mich hat sich das Durchhalten gelohnt. Manchmal ist es aber auch klug, einen anderen Weg zu gehen, anstatt sich völlig aufzureiben.