Vitamine
Vitamine

Fast durchgängig hinke ich den Dingen hinterher, die ich gerne „in time“ schaffen würde. Und egal, wie viel im Büro zu tun ist, ich fahre immer regelmäßig in mein Atelier und tue Dinge, die nichts mit Kalkulation oder Organisation zu tun haben. Beides kann nicht warten: ich brauche die künstlerische Arbeit, um mich weiterzuentwickeln und neue Dinge zu schaffen und um meine Konzepte zu überprüfen, und ich brauche die organisatorische Arbeit, um meine Expertise in meinen Arbeitsfeldern in einen Lebensunterhalt für mich und meine Familie umzuwandeln. Ich bin so oft hin- und hergerissen zwischen, dem, was notwendig erscheint und dem, was ich gerade brauche. Ich merke, dass ich nicht immer auf einer rein funktionalen Ebene agieren will. Ich will nicht einen Großteil meiner Zeit mit funktionalen Dingen verbringen. Trotzdem tue ich es. Funktional heißt an dieser Stelle: es dient dazu, mein Leben so am Laufen zu halten, wie es gerade ist, den Status Quo erhalten.

Für mich stellen sich nun einige interessante Fragen: wie kann ich den Anteil rein funktionaler Tätigkeiten verringern und den Anteil nicht-funktionaler Arbeit erhöhen? Wird nicht-funktionale Arbeit irgendwann funktional oder, weniger technisch: Kann ich nur von meiner künstlerischen Arbeit leben (und eben nicht aus einer Kombination aus Kunstschaffen und Workshops)? Ist „funktional“ überhaupt der richtige Begriff?

Funktional heißt, etwas hat eine Funktion, es betrifft seine Funktion, es ist auf die Funktion bezogen, der Funktion entsprechend. „Um zu“ ist das Stichwort, aber damit ist vermeintlich nicht-funktionales dann eben doch funktional. Auch Kunst hat einen Zweck. Er ist nicht immer statistisch nachweisbar, aber er existiert und er ist vielfältig. Wenn ich nicht gestalte, nicht schöpfe, lebe ich nicht mehr, ich vegetiere. Ich werde krank und depressiv und deshalb habe ich den Verdacht, dass Kunst vielleicht gar nicht so nicht-funktional ist, wie ich gerade noch dachte. Im Gegentiel: Kunst ist hochfunktional im Sinne von Menschen bleiben gesund und können damit ihren oft zermürbenden Alltag besser aushalten.

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele. Hat Picasso gesagt. Ich sage:

Kunst ist wie Vitamine.

Brauchen wir alle. Und wenn wir sie im Alltag nicht zu uns nehmen, dann vielleicht als hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel, um einen akuten oder sogar lebensbedrohlichen Mangel auszugleichen. Aber, wie so oft, geht es auch hier darum, die Balance zu finden. Dann ist die Frage nicht mehr: „Kunst oder Geld?“ Sondern: „Wie kann ich diese beiden Aspekte so zusammenbringen, dass ich beides in ausreichendem Maße zur Verfügung habe?“ Und wie viel brauche ich jeweils davon? Ich selbst brauche mehr Kunst als Geld, will trotzdem meine Familie sorgenfrei und entspannt versorgen und mich frei von materiellen Bedenken immer wieder in die Kunst stürzen.

Ich diskutiere immer wieder mit Menschen, die mit mir arbeiten wollen, wie wichtig es für Künstler*innen ist, dass wir fair und vernünftig bezahlt werden müssen, damit wir auch die Künstler*innen sein können, mit denen sie arbeiten wollen. Faire Honorare sind auch wie Vitamine: sie lassen uns als Künstler*innen aufblühen und kraftvoll unsere Arbeit tun.