Leise Stimmen
Leise Stimmen

Lange, lange habe ich gedacht, ich wüsste genau, was ich tun muss, um eines Tages eine erfolgreiche Künstlerin zu sein. Ich habe mir angeguckt, wie andere das gemacht haben, wo sie sich beworben haben, wie sie vorgegangen sind und war mit dieser Strategie manchmal erfolgreich und manchmal nicht.

Es gibt einige wenige Dinge, auf die bin ich so stolz, dass sie für mich die echten Erfolge waren: auch wenn meistens kein Geld oder Prestige als Belohnung herumkamen, sondern Dinge, die für mich echten Reichtum ausmachen: Weiterentwicklung, menschliche Kontakte und Erkenntnisgewinn. Wann immer ich versuche, mir Anerkennung oder Geld zum Beispiel durch eine Bewerbung für Kunstpreise oder Stipendien zu erarbeiten, klappte es nicht, weil ich mich von dem entfernte, was ich wirklich will: das ist gerade nicht Prestige oder monetäres Auskommen, sondern eine tiefe Verbundenheit mit meinen echten Bedürfnissen, nach wohltuenden menschlichen Verbindungen, nach freier Entfaltung und einem friedlichen Miteinander, das von Kreativität und Schaffenslust geprägt ist.

Leise Stimmen in mir haben in den letzten Jahren versucht, brüllend gegen die vermeintlich alternativlosen Sachzwänge und gegen die Notwendigkeiten des Alltags anzuflüstern, aber sie hatten wenig Chancen gegen mein Bedürfnis, jetzt doch mal bitte schnell eine erfolgreiche Künstlerin zu werden (was immer das heißt), mich um meine Eltern zu kümmern, mein Leben als Künstlerin und Mutter neu zu organisieren. Und so stand ich völlig still, hin und her gerissen zwischen einem Vor und Zurück, ohne einen Blick für das Seitwärts, das ja auch immer möglich ist.

Seit einigen Tagen merke ich, dass die leisen Stimmen besser, lauter, deutlicher zu hören sind. Ich habe einen Punkt erreicht, an dem ich das, was ich die letzten Jahre wollte, nun eben nicht mehr will. Jetzt probiere ich es einmal auf eine andere Art: ich werde üben, auf die leisen Stimmen zu hören, auch wenn das nicht immer leicht ist, weil es meinen reflexartigen Reaktionsmustern widerspricht. Es bedeutet, von lieb gewonnenen, aber wenig heilsamen Vorgehensweisen Abschied zu nehmen. Und ich freue mich unglaublich darüber, wie diese leisen Stimmen jauchzen darüber, dass das Elend nun vorbei sein kann.