lebensnotwendig
lebensnotwendig

Wenn ich nachts nicht schlafen kann und grübelnd im Bett liege, fühle ich mich oft isoliert von den Dingen und einsam in der großen weiten Welt. Gleichzeitig sehe ich diese Einsamkeit bei so vielen Menschen um mich herum und spüre: bestimmte Grenzen sind einfach nicht überbrückbar… Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, komme ich über bestimmte Dinge nicht hinweg und mein Gegenüber bleibt unerreichbar.

Aus einem Grund, den ich nicht mehr weiß, musste ich fast gleichzeitig an Walter Benjamin denken und an seinen Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, worin er unter anderem erklärt, dass Original-Kunstwerke eine Aura haben, die durch das Erleben eines Werkes im Hier und Jetzt, ihre Originalität (im Wortsinne) und ihre Einbettung in der Geschichte geprägt wird (ich verkürze hier sehr). Ich habe den Gedanken weitergedacht und lehne mich hier mal ergänzend aus dem Fenster: das Auratische eines Kunstwerks wird außerdem durch die spürbare Präsenz der Künstlerin oder des Künstlers im Werk greifbar und verstärkt.

Während ich also so über Walter Benjamin und die Einsamkeit der Menschen im Besonderen und Allgemeinen sinniere, kommt mir ein Gedanke: Was, wenn auratische Kunst die einzige Möglichkeit ist, eine echte Verbindung zu unseren Mitmenschen herzustellen? Ich meine nicht bloß Malerei, sondern auch Film, digitale Künste, Literatur, Musik, Tanz, Theater, Comic – wirklich jede Kunstform, in der ich über das Werk eine echte Verbindung zur Künstlerin und zum Künstler spüre. Was, wenn das bloße Miteinander-Leben nicht ausreicht, sondern eben auch und gerade das Über-die-Kunst-Verbunden-Sein uns als Gesellschaft zusammenhält?

Das würde dann erklären, warum totalitäre und restriktive politische Gruppen (wie z.B. die AfD und PiS in Polen) und Gesellschaften immer als erstes die freien Künstlerinnen und Künstler zurückdrängen wollen oder eine Staatskunst installieren wie z.B. im sozialistischen Realismus. Kunst ist lebensnotwendig, Kunst nährt uns, macht uns verletzlich und verbindet uns mit unseren Mitmenschen. Kunst öffnet Begrenzungen und bietet immer einen Weg, auch wenn die Lage hoffnungslos scheint. Kunst macht uns frei.