Künstlerleben im November
Künstlerleben im November

Teile des Internets™ fotografieren am 12. eines Monats seinen Alltag und macht ein Posting daraus. Weil ich gerne mit Künstlermythen aufräume, klinke ich mich bei der Fotoaktion #12von12 ein und erzähle dabei aus meinem glamorösen Künstlerleben.

Diesmal muss ich die große Kamera mitschleppen, weil ich gestern (mal wieder) mein Smartphone zertrümmert habe. Die Bilder sind weniger spontan, dafür habe ich mich erinnert, wie viel Spaß mit das Fotografieren macht. Und weil die große Kamera noch im Atelier lag und ich sie holen musste, konnte ich erst ab zehn Uhr Fotos machen, auch wenn ich da schon seit sechs Stunden wach war. Fragt nicht!

Projektion

#1 Nachdem ich unseren Sohn zur Tagesmutter gebracht habe, fahre ich ins Atelier, die Kamera holen und danach nach Bad Oeynhausen, um meinen Ausstellungsaufbau abschließen, die Organisatoren in die Technik einweisen und mein Werkzeug aus dem Raum zu holen. Die Eröffnung der Ausstellung Totentanz–Lebenstanz ist zwar erst am kommenden Sonntag, aber ich bin gerne rechtzeitig mit allem fertig. Gut sieht sie aus, die Projektion meines Trickfilms. Ich freu mich schon, ihn bei Dunkelheit dort laufen zu sehen.

Vorboten eines Wintergefühls

#2 Anschließend fahre ich zurück ins Atelier. Der Blick aus dem Fenster dort kündigt schon richtig vom nahenden Winter. Ich persönlich könnte ja gut den November überspringen. Andererseits scheint der Baum aber auch zu glauben, dass bald Frühling wird. Der Baum und ich, wir sind beide gleichermaßen jahreszeitlich irritiert.

Atelierlicht

#3 Bevor der November-Blues einsetzen kann, fange ich erstmal an zu malen. Ich habe eine neue Serie angefangen und trage gerade die vierte Schicht Farbe auf. Mein Strebertum wird mit Sonnenstrahlen belohnt, mit wunderschönen Herbstsonnenstrahlen, die alles in ein etwas ätherisches Licht tauchen.

Malen mit Herbstsonne

#4 Dieses Licht ist der Hammer, ich kann mich gar nicht satt sehen. – Tut das gut!

Formate schneiden

#5 Da liegt schon seit Monaten ein Stapel bearbeiteter Blätter, von denen ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Jetzt haben sie mich so genervt, dass ich mir die Schneidemaschine geholt und aus den A4-Blättern einfach quadratische Formate geschnitten habe. Diese Vorgehensweise hab ich von einem Kommilitonen an der Akademie übernommen: er war schon seit Jahren unzufrieden mit den eigenen Arbeiten und hatte sie für seine Examensarbeit erst fotografiert, dann geschreddert und die Haufen for den Fotos aufgeschüttet. Das hat mich damals sehr beeindruckt: ein Werk radikal zu zerstören, damit etwas neues entstehen kann. Seitdem mache ich das regelmäßig, es hat bisher noch nie geschadet.

Stille Zeugen

#6 Stille Zeugen einer kleinen Arbeitsbesprechung. In zwei Wochen mache ich ein Schulprojekt mit Viertklässlern im Atelier und ich freu mich schon darauf, wenn die Bande bei mir einfällt. Das ist das, was ich an meiner Arbeit als Kunstlehrerin am meisten vermisse: die Kinder. Ihre Neugier, ihre Kreativität, ihre übernommenen Vorbehalte, was Kunst sei und was nicht, ihre Verspieltheit. Ah, ich glaube, das wird gut!

Dieses Licht!

#7 Dieses Licht ist unglaublich! Ich stehe an jeder Ecke und staune. Die Welt sieht aus wie ein Wes Anderson-Film und ich freue mich darüber. Ich würde gerne in einem Wes Anderson-Film leben. Frage mich jetzt schon die ganze Zeit, wie ich diese Optik für das neue Trickfilmprojekt hinbekomme…

Budenkoller

#8 Der Sohn und ich bekommen einen Budenkoller. Nichts wie raus!

Kirmes

#9 Gerade ist Kirmes und weil der kleine Mann gerne Karussell fährt, sind wir da einmal gucken gefahren. Ich habe so viele gute Kindheitserinnerungen an Kirmes und war etwas überrascht, wie trostlos, dreckig und deprimierend es dann tatsächlich war. Gerade die Rückseite der Fahrgeschäfte und Buden ist ja extrem ernüchternd.

Unentschlossen

#10 Unser Sohn interessiert sich „ganz dramatisch für Autos“, wie es ein Nachbarskind einmal formulierte. Und so blieben wir an jedem Fahrgeschäft mit Autos stehen: insgesamt waren das zwei Autoscooter und vier Kinderkarusselle. Erst wollte er bei einem mitfahren, war dann aber doch unentschlossen. Er hätte sich die Fahrzeuge gerne genauer angeschaut, aber die haben immer nur so kurz gehalten. Wir sind am Ende übrigens nicht gefahren.

Antikirmes

#11 Interessanter als alle Fahrgeschäfte zusammen waren drei kleine Plastikstühle, die ein Betreiber neben seinem Karussell aufgestellt hatte, für die, die nicht fahren wollten oder konnten: Die konnte man ganz prima stapeln, nach Farben sortieren und darauf herumklettern. Nach einer gemeinsamen Tüte Pommes sind wir wieder nach Hause gefahren, und haben den Abend gemeinsam mit dem Papa ausklingen lassen.

Rommée#12 Donnerstags, wenn der Kleine im Bett ist, spielen wir oft noch mit unseren Hausmitbewohnern die eine oder andere Partie Rommée. Für mich ist das einerseits der Inbegriff von Spießigkeit – und andererseits ist es erstens wie Hölle witzig und zweitens eine schöne Abwechslung zu all den immer vollen und oft chaotischen Tagen mit der Freiberuflichkeit, dem Kind und all den anderen Anforderungen, die das Leben so stellt.

Insgesamt hat mich heute vor allem das Licht interessiert, wie es so durch den Tag schien und den einen oder anderen Moment erhellte. Ich habe ja sowieso die Theorie, dass alles, was wir im Alltag erleben, künstlerisch verwertbar ist und heute bin ich ganz angefüllt mit Gedanken zu Beleuchtung und Belichtung, Hervorheben und Verschwindenlassen.

Wie war denn euer Tag?