Irritation
Irritation

Heute, als ich zehnmal ein und das selbe Motiv zeichnete, fiel mir eine Sache auf, die mir schon als Kind mehrfach aufgefallen war. Wenn man eine Sache nur oft genug tut oder sagt, kommt ein Moment, der völlig schräg ist. Als Kind habe ich mal aus irgendeinem Grund das Wort „Stuhl“ in Gedanken so oft vor mich hingesagt, bis es mir unendlich seltsam vorkam. Ich habe mich dann gefragt, warum ein Stuhl überhaupt Stuhl heißt und nicht anders, zum Beispiel „Tisch“. Allerdings bin ich mit der Beantwortung dieser Frage schnell an die Grenzen meines damaligen Kinderphilosophenverstandes gelangt.

Trotzdem habe ich dieses Gefühl der Irritation immer sehr genossen – dieses Infragestellen des scheinbar Normalen, das finde ich auch heute noch cool.

Heute beim Zeichnen also, als ich immer und immer wieder das gleiche Bild auf verschiedenste Weise zeichnete, ist es wieder passiert. Nur anders: Weil ich meine eigenen Zeichnungen irgendwann sinniger und interessanter fand als das Originalbild, begann ich, eben diese weiterabzuzeichnen. Und während ich immer zeichnete und zeichnete, setzte nach einiger Zeit diese Irritation ein.

Es passierte aber noch etwas anderes: als ich mich durch diese Irritationsphase hindurch gezeichnet hatte, erreichte ich eine ganz wunderbare Klarheit, in der ich genau wusste, wie die nächste Zeichnung auszusehen hatte, die ich machen wollte, und Bäm! – Es war die beste von allen.

Beim Ausarbeiten des Blattes war mein Hirn so im Flow, dass es den passenden Aphorismus direkt mitgeliefert hat:

Wenn ich eine Sache nur lang genug betrachte, stellt sich irgendwann eine Irritation ein, die zu neuen Erkenntnissen führt.

Jessica Koppe, „Irritation“ (2017). Wasserfarben, Buntstifte und Marker auf Papier; 30 x 42 cm.

Bei der Arbeit. Foto: Katrin Sandmann-Henkel