Gesellschaftsfähige Selbstvergewisserung
Gesellschaftsfähige Selbstvergewisserung

„The taste for the spontaneous, natural, lifelike snapshot kills spontaneity, drives away the present.“

– Italo Calvino, Difficult Loves (1984)

Ein zeitgenössisches Selfie ist ein fotografisches Selbstportrait, das dazu gemacht ist, einen Moment, den ich innerlich oder äußerlich erlebe, festzuhalten und zeitnah zu kommunizieren. Es ist auch ein Zeichen für den Zeitgeist, der weht: ich gebe meine Kamera (meistens mein Smartphone) nicht mehr einem vielleicht wildfremdem Menschen in die Hand, damit er ein Bild von mir und meinen Nebendarstellern vor einer von mir ausgewählten Kulisse macht, sondern ich kontrolliere alles: Bildausschnitt, Moment und Kommunikationsform.

Kein „Würden Sie mal eben…“ verbindet uns mehr mit den Menschen um uns herum und ist vielleicht ein netter Gesprächsanlass in dem Moment – das klassische Selfie ist Ausdruck eines komplett privatisierten Lebensstils, der den nicht anwesenden Menschen in unseren sogenannten sozialen Netzwerken den Vorzug gibt vor denen, die uns in dem Moment real umgeben oder umgeben könnten. Ist das nicht todtraurig? Unter diesem Blickwinkel finde ich die ästhetisch formalisierte und meist bedeutungslose Eigenfotografie etwa so ansprechend wie Vorstadt-Neubausiedlungen als Ausdruck für eine individuelle Lebensweise.

Die Kunsthalle Karlsruhe zeigt gerade eine Ausstellung mit dem Titel Ich bin hier – Von Rembrandt zum Selfie und hat mit den Kulturkonsorten eine Blogparade unter dem Tag #selfierade gemacht. Weil das immer mal wieder in meiner Timeline bei Twitter auftauchte, denke ich seit einigen Tagen vermehrt über Selfies und Selbstportraits nach. Als Künstlerin interessiert mich das künstlerische Selbstportrait inhaltlich sehr, nur nicht aus figürlicher Sicht.

Der Aspekt, der mich an Selfies sowie am künstlerischen Selbstportrait wirklich interessiert, ist die Sache mit der Selbstvergewisserung. Der Duden sagt, Selbstvergewisserung sei die Bestätigung des eigenen Selbstbildes. Und das ist ja nun etwas, wovon ich mich als Künstlerin gerade überhaupt nicht frei machen kann. Jede Arbeit, die ich produziere, jedes Experiment, das ich mache, dient meiner Selbstvergewisserung. Arbeite ich noch auf die gleiche Weise wie gestern? Habe ich mich ein Stück von meinen Vorbildern [sic!] gelöst? Habe ich vielleicht einen Schritt in die Richtung gemacht, die für mich etwas komplett neues markiert? Bin ich noch Künstlerin oder hampel ich hier nur rum?

Spuren hinterlassen

Klar will ich als Künstlerin Spuren hinterlassen, ich möchte in der Gegenwart wie in der Zukunft gesehen und wahrgenommen werden. Ich kenne allerdings keinen Menschen, der sich das nicht auf die eine oder andere Art wünscht. Ich vergewissere mich meiner Spuren, in dem ich künstlerische Arbeiten schaffe, die entweder so robust sind, dass sie lange halten, oder indem ich von vergänglicheren Arbeiten gescheit dokumentiere (meistens in fotografischer Form [sic, again!]). So groß sind die Unterschiede also gar nicht zwischen den „professionellen“ und den alltäglichen Selbstvergewisserern. Das ist doch auch mal ein interessanter Gedanke.

Einerseits. Andererseits dokumentiere ich meine Arbeiten nicht bloß unter dem Aspekt, sie für mein privates Fotoalbum zu horten oder Favs zu generieren, sondern ich möchte damit einen kulturellen Beitrag leisten. Ich möchte das Künstlerdasein entmystifizieren. Außerdem habe ich in meiner künstlerischen Ausbildung so vielen Künstlern in echt über die Schultern schauen dürfen und so vieles von ihnen gelernt. Ich war im Museum und habe mir etwas von Künstlern abgeschaut, die Selbstportraits als Werbemittel genutzt haben, die das eigene Gesicht benutzt haben, um eine künstlerische These zu formulieren und allen gemeinsam war, dass sie etwas höchst individuelles veröffentlicht haben, um Kultur voran zu bringen. Das will ich jetzt zurückgeben.

Ein alltägliches, einzeln betrachtetes Selfie aber konzentriert sich nur auf die sich selbst abbildende Person und forciert den Rückzug ins Private schon allein durch seine Entstehungsweise und ist damit gesellschaftlich belanglos. Wenn echter zwischenmenschlicher Austausch stattfindet über so ein Bild, kann ich damit leben. Wenn nicht, finde ich das als Gesellschaftstier nur traurig.