Erfolg
Erfolg

Immer wieder werde ich gefragt, ob ich das Gefühl hätte, dass die Kampagne zur Schwarmfinanzierung meines neuen Trickfilms LIEBE ein Erfolg sei.

Seit Wochen denke ich deshalb über Erfolg nach. Und merke: Ich habe keine richtige Antwort auf diese Frage, weil ich so einfach nicht denke.

Was weiß ich über Erfolg?

  • Erfolg ist messbar an Zielen, die es zu erreichen gilt.
  • Erfolg ist eine leistungsgesellschaftliche und wirtschaftliche Kategorie (geworden?).
  • Erfolg ist nichts von Dauer.  Er macht süchtig nach mehr, und irgendwann geht es nicht mehr um die Sache, sondern nur noch darum, dass nächste Erfolgsgefühl zu haben.
  • Erfolg rehabilitiert jede Vorgehensweise.
  • Das Gegenteil von Erfolg nennt man Misserfolg oder Scheitern.
  • Weil ich mich weigere, Scheitern als Bewertungsmaßstab an ein Leben anzulegen, verabschiede ich mich immer mehr von Erfolg als Maßstab.

Was aus meiner Kampagne bisher erfolgt [sic!] ist, kann ich fast nicht messen.

Messbar sind die reinen Beträge: Ich habe von 11.260 €, die ich als noch moderates Finanzierungsziel für meine Trickfilmproduktion angegeben habe, durch eure Hilfe und eure Großzügigkeit bisher gut 37 % der Gesamtsumme, das heißt ca. 4.220 €* zusammenbekommen, um einen Film zu machen, der mir wie wenige zuvor am Herzen liegt. Dafür, dass ich vorher kein Budget hatte, finde ich das ganz ordentlich. Ist das deshalb ein Erfolg?

* 3.715 € aus der Kampagne (minus Plattformgebühren) plus 800 € Kulturförderung der Stadt Minden

Das kommt auf die Betrachtungsweise und darauf an, wo ich meine Bewertungsmaßstäbe anlege. Wenn ich davon ausgehe, dass die Gesamtsumme das absolute Muss ist, dann wohl eher nicht. Wenn ich davon ausgehe, dass ich niemanden zwingen kann, mich und meine Arbeit zu unterstützen und dass ich sowieso immer davon ausgehe, dass meine Arbeit nur für eine kleine Gruppe Menschen interessant ist, dann ja: weil diese kleine Gruppe wirklich Tolles auf die Beine gestellt hat in dieser Zeit.

Ist es ein Erfolg, wenn viele treue Begleiterinnen und Begleiter und manche Fans meiner Arbeit wollen, dass ich diesen Film mache? Hell, yes! Es bedeutet mir wirklich viel – weil es mir immer wieder zeigt, dass das, was ich tue eben nicht nur für mich relevant ist. Es ist vielleicht nichtkonkret messbar wie blanke Zahlen, aber das ist Liebe ja auch nicht.

Womit wir wieder beim Thema wären.

Liebe ist nicht messbar, Liebe ist nicht wirtschaftlich, Liebe kann ewig sein. Liebe macht bestimmte, fragwürdige Vorgehensweisen überflüssig.

Ein gutes Leben zu leben bedeutet für mich: unabhängig arbeiten zu können, meine Projekte so zu gestalten, wie ich es möchte, mich dabei selbst weiterentwickeln und vielleicht auch noch anderen dabei zu helfen, dass ihre Lebenspäckchen ein bisschen leichter zu schleppen sind – da spielen klassisch definierte Erfolge keine Rolle. Und trotzdem fühlt sich die Kampagne gut und richtig an.

Ist die Kampagne also ein Erfolg? Sie ist ein Puzzleteil in meinem Leben, desses Gesamtbild ich mit Kunst und Liebe zusammenzusetzen versuche. Nicht mehr, aber auch nicht weniger, für mich und für euch.

Beitragsbild: Ausschnitt aus „(A home for) the trusting“ (2014)

Jessica Koppe "(a home for) trusting" (2014)