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Wie ich mir einmal zeichnend die Nacht um die Ohren schlug

Vor genau einer Woche habe ich mit zwei Mitzeichnerinnen am 24-Stunden-Comic-Tag 2015 teilgenommen. Eine krasse Aktion: 24 Stunden durchzeichnen, um dabei im Idealfall einen 24-seitigen Comic zu produzieren… Soviel vorweg: ich habe durchgehalten und bin fertig geworden! In loser Folge erzähle ich in meiner 24seitgen Sequenz das wichtigste, was ich über das Künstlersein (oder vielmehr mein Künstlersein) begriffen habe.

Nicht ganz zu Unrecht fragst du dich jetzt, „warum macht man so was?“ und die kürzeste Erklärung würde irgendwie auch Hunde und Eier enthalten. Normalerweise brauche ich viel Schlaf, um konzentriert arbeiten zu können. Ich wollte ausprobieren, was so eine extreme Situation mit mir macht. Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich so intensiv arbeite und was mein Gehirn produziert, wenn es übermüdet ist. Passieren da vielleicht Dinge, die sogar vollkommen neben der Spur sind?

Angefangen haben wir abends um sechs. Meine Mitstreiterinnen habe ich über die Lokalzeitung und soziale Medien gefunden und wir haben uns nicht lange mit Kennenlernen aufgehalten, sondern zügig angefangen an umseren Comics zu zeichnen. Wenn man 24 Stunden zusammen in einem Raum verbringt, lernt man auch so das eine oder andere voneinander.

Mein Arbeitsprozess begann sehr typisch: Ich wollte gerne meinen künstlerischen Prozess zum Thema machen, weil dieser sich in einer sequentiellen Erzählung gut abbilden ließe. Es hat allerdings keine fünf Minuten bis zur ersten Schaffenskrise gedauert: mein innerer Kritiker (Link) begann herumzumäkeln, dass ich eh keine Comickünstlerin sei und das dass ich es gar nicht erst probieren müsste und überhaupt, was ich mir da einbilde. Die meisten Menschen kennen solche Kritikerstimmen. Sie geben gute Hinweise, lassen einen aber oft nicht arbeiten.

Nach einer halben Stunde, Stunde war ich kaum weiter. Alles, was ich notierte, kam mir blöd vor. Ich brauchte also eine andere Strategie als „Geschichte schreiben, vorzeichnen, reinzeichnen, Keks freuen“. Ich habe mich dann entschieden, einmal meine intuitive Arbeitsweise aus der Malerei und der Collage für einen Comic auszuprobieren. Ich habe also 24 leere Blätter auf den Fußboden gelegt und erst einmal begonnen, Stichworte, Gedanken und Skizzen zu sammeln. Dazu kamen Textfragmente, die in meinem Kopf herumschwirrten über meine Arbeit, Bilder, die mir im Gespräch mit den anderen kamen und die Arbeiten in meinem Atelier, die uns beim Zeichnen umgaben.

Ich habe versucht, ganz tief einzutauchen in das Finden von Hinweisen, wie sich die Erzählung entwickeln kann und habe alles auf seine Verwendbarkeit für den Comic überprüft: meine Beobachtungen über meinen Energiehaushalt, einzelne Gefühle, die mich im Laufe der Nacht übermannten und ob ich diese Dinge in meinem Künstlersein wiederfinde. So füllte sich Blatt um Blatt und nach gut vierzehn Stunden hatte ich eine Reihenfolge, einen Titel und ein Konzept, an denen ich nun entlang arbeitete.

Bis zuletzt habe ich die Reihenfolge der Seiten verändert und die letzten Blätter gefüllt. Beim Hineinspüren in meine Sammlung habe ich viel über mich verstanden. Mehr ging nicht, mehr war aber auch nicht nötig.

Interessant war für mich vor allem, wie ich körperlich auf diese Extremsituation reagiere und ob das meine künstlerische Arbeit beeinträchtigt, körperlich so über meine Grenzen hinaus zu gehen.

Auch wenn ich normalerweise gegen halb sechs, sechs aufstehe und eher früh gegen zehn oder elf ins Bett gehe, hat es mir nichts ausgemacht, bis ein oder zwei Uhr nachts locker durchzuarbeiten – nette Gespräche mit den anderen Zeichnerinnen und mein entspannter Arbeitsfluss waren sicherlich eine Hilfe. Es gab eine heftige Strecke zwischen fünf und sechs, als ich mich nur noch schlecht konzentrieren konnte und mein Körper fand, ich könne doch jetzt mal echt ins Bett gehen.

Danach ging es dann aber wieder: meine Augen stellten zwar vor lauter Müdigkeit nicht mehr ganz scharf und meine Hände zitterten zuerst noch, aber irgendwann hatte mein Körper aufgegeben, Müdigkeitssignale zu senden. Ich war im Flow, aber so richtig. Mein Gehirn beschränkte seine Arbeit auf das nötigste und hat sich dann auch irgendwann nicht mehr die Mühe gemacht zu filtern oder kritisch zu kommentieren. In meinem Kopf herrschte Stille, ein wahrhaft seltener und seeehr angenehmer Zustand. Das blieb dann auch so bis zum Ende, und abgesehen von einigen Wortfindungsschwierigkeiten war das ein sehr entspanntes Arbeiten.

Hier ist ein Vorgeschmack über die Arbeiten, die ich an dem Abend produziert habe und darunter noch Fotos der Bildergeschichten von den beiden anderen:

#24HCD Comic-Manifest, Übersichtwpid-img_20151010_190636.jpgwpid-img_20151010_190919.jpgwpid-img_20151010_190713.jpgwpid-img_20151010_190728.jpg
Mangazeichnungen von Jasmin Friia und die Arbeiten von Manuela John-Sander.

Das war eine coole Aktion und Ulla Koch vom Mindener Tageblatt hat auch noch einen tollen Artikel über unseren Zeichen-Marathon geschrieben.

UPDATE: Das Manifest-Heft gibt es jetzt in limitierte Auflage (nummeriert und signiert) zu kaufen.